Gentherapie gegen SMA
Zolgensma: Tumorfälle bei Kindern nach Gentherapie – alle Infos im Überblick
Novartis hat neun Tumorfälle bei Kindern bestätigt, die mit der Gentherapie Zolgensma gegen spinale Muskelatrophie (SMA) behandelt wurden. In zwei Fällen fand sich Erbgut des Gentransporters in der DNA der Kinder – ein bisher nur theoretisch beschriebenes Risiko ist damit erstmals belegt. Hier steht, was bekannt ist, was offen ist und was Familien in Deutschland jetzt wissen sollten.
Redaktion Klar informiert ·
Das Wichtigste in Kürze
- Seit der Erstzulassung von Zolgensma 2019 sind bei Novartis neun Meldungen über Tumore bei behandelten Patienten eingegangen.
- In zwei Fällen wurde Erbgut des Virus-Vektors in der DNA der Patienten nachgewiesen; beide Kinder wurden behandelt und werden weiter überwacht.
- Bisher wurden laut der Patientenorganisation SMA UK erst drei der neun Tumore genauer untersucht; einer davon steht offenbar nicht mit der Therapie in Zusammenhang.
- Weltweit haben nach Angaben von Novartis mehr als 6.000 Patienten Zolgensma erhalten.
- Das Risiko von Tumoren durch die Integration des Vektors in das Erbgut steht bereits in der Fachinformation des Medikaments.
- Patientenorganisationen raten Familien, keine Behandlung eigenmächtig zu ändern und sich bei Fragen an das behandelnde Team zu wenden.
9
gemeldete Tumorfälle bei Zolgensma-Patienten seit 2019
Quelle: Novartis, Stand 5. November 2026
2
Fälle mit Nachweis von Vektor-DNA im Erbgut der Patienten
Quelle: Novartis, Stand 5. November 2026
> 6.000
weltweit mit Zolgensma behandelte Patienten
Quelle: Novartis, Stand 5. November 2026
3 von 9
Tumoren bislang pathologisch untersucht
Quelle: SMA UK, Stand November 2026
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Was ist über die Tumorfälle nach Zolgensma bekannt?
Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat am 5. November 2026 bestätigt, dass seit der ersten Zulassung von Zolgensma im Jahr 2019 neun Berichte über Tumore bei Patienten eingegangen sind, die zuvor mit der Gentherapie behandelt worden waren. Die Stellungnahme hatte das Unternehmen der europäischen Patientenorganisation SMA Europe zur Weitergabe an die Betroffenen übermittelt. Zuvor hatten in der SMA-Gemeinschaft bereits Berichte über die Fälle kursiert.
Der entscheidende Punkt: In zwei der neun Fälle wiesen Untersuchungen nach, dass sich Erbgut des sogenannten Vektors – des Transportmittels, mit dem das Gen in die Zellen gelangt – in die DNA der Patienten eingebaut hatte. Beide Kinder wurden laut Novartis behandelt und werden weiter medizinisch überwacht. Nach Angaben der britischen Patientenorganisation SMA UK, die sich auf das nationale Zolgensma-Expertenteam in England beruft, wurden bislang erst drei der neun Tumore pathologisch untersucht. Zwei davon hängen demnach mit der Therapie zusammen, einer offenbar nicht. Bei den übrigen sechs Fällen ist ein Zusammenhang bisher weder belegt noch ausgeschlossen.
Vieles ist noch offen. Weder Novartis noch die Patientenorganisationen haben bisher öffentlich mitgeteilt, um welche Tumorarten es sich handelt, in welchen Ländern die Kinder behandelt wurden und wie lange die Behandlung jeweils zurücklag. Ob Kinder in Deutschland betroffen sind, ist nicht bekannt (Stand: 6. November 2026).
Was ist Zolgensma und wie wirkt die Gentherapie?
Zolgensma (Wirkstoff: Onasemnogen-Abeparvovec) ist eine Gentherapie gegen die spinale Muskelatrophie (SMA). Bei dieser seltenen Erbkrankheit sterben Nervenzellen im Rückenmark ab, die Muskeln werden zunehmend schwächer. Ursache sind meist Veränderungen im Gen SMN1, wodurch dem Körper das lebenswichtige Eiweiß SMN fehlt. Bevor es wirksame Medikamente gab, verlief die schwerste Form der Krankheit für viele Kleinkinder tödlich.
Zolgensma bringt eine funktionsfähige Kopie des Gens in die Zellen. Als Transporter dient ein abgewandeltes, nicht krankmachendes Adeno-assoziiertes Virus (AAV). Die Therapie wird einmalig als Infusion verabreicht, vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern – in den USA ist sie für Kinder unter zwei Jahren zugelassen. Bei der Markteinführung 2019 sorgte sie auch wegen ihres Preises für Schlagzeilen: Mit rund 2,1 Millionen US-Dollar je Behandlung galt sie damals als teuerstes Medikament der Welt.
Für Novartis ist Zolgensma wirtschaftlich bedeutend: Die Therapie gilt als kommerziell erfolgreichste Gentherapie ihrer Art und brachte in den ersten neun Monaten 2026 laut dem Fachdienst BioPharma Dive rund 1,1 Milliarden US-Dollar Umsatz.
Warum kann eine Gentherapie Tumore auslösen?
AAV-Vektoren sind so konstruiert, dass das eingeschleuste Gen überwiegend außerhalb der Chromosomen in der Zelle verbleibt. In seltenen Fällen kann sich das Vektor-Erbgut jedoch zufällig in die menschliche DNA einbauen. Trifft dieser Einbau ein Gen, das das Zellwachstum steuert, kann daraus im ungünstigsten Fall ein Tumor entstehen. Fachleute sprechen von Insertionsmutagenese oder Insertionsonkogenese.
Neu ist das Risiko nicht. Es steht seit Langem als möglicher Effekt in der Fachinformation von Zolgensma, und Forscher sowie Zulassungsbehörden diskutieren es seit Jahren. 2021 sorgte der Krebsfall eines Patienten nach einer Gentherapie des Herstellers uniQure für Aufsehen; ein Zusammenhang wurde später aber ausgeschlossen. Auch zu Zolgensma erschienen 2023 und 2025 zwei Fallberichte über Krebserkrankungen bei behandelten Kindern, ohne dass die Therapie eindeutig als Ursache nachgewiesen wurde. Die nun bestätigten zwei Fälle gelten deshalb als erster Beleg dafür, dass das Risiko nicht nur theoretisch besteht.
Die Frage betrifft nicht nur Zolgensma. AAV-Vektoren werden in zahlreichen Gentherapien eingesetzt, auch in Novartis' Präparat Itvisma, bei dem derselbe Wirkstoff in den Rückenmarkskanal gegeben wird. Wie groß das Risiko tatsächlich ist und ob es sich auf andere Gentherapien übertragen lässt, ist derzeit offen.
Was bedeutet das für Familien in Deutschland?
Für Eltern, deren Kind Zolgensma erhalten hat oder die über die Behandlung nachdenken, sind die Meldungen beunruhigend. Patientenorganisationen mahnen trotzdem zur Besonnenheit: Bei mehr als 6.000 behandelten Patienten weltweit sei die Zahl der gemeldeten und bestätigten Fälle klein, schreibt SMA UK. Das englische Expertenteam empfiehlt nach derzeitigem Stand weder zusätzliche Untersuchungen noch Änderungen an der Nachsorge. Diese Empfehlung gilt allerdings für das britische Gesundheitssystem; deutsche Fachgesellschaften und Behörden haben sich bisher nicht öffentlich geäußert.
Die US-Organisation Cure SMA und die Muscular Dystrophy Association raten Familien mit Fragen, sich an das behandelnde SMA-Team zu wenden. Dieses kenne die individuelle Krankengeschichte am besten. Pläne zur Behandlung sollen nicht ohne ärztliche Rücksprache geändert werden.
Für die Abwägung wichtig: Unbehandelt ist die SMA, vor allem in ihrer schweren Form, eine lebensbedrohliche Krankheit. Neben Zolgensma gibt es weitere zugelassene Medikamente, die nicht auf einer Gentherapie beruhen, etwa Nusinersen (Spinraza) und Risdiplam (Evrysdi). Welche Therapie für ein Kind infrage kommt, entscheiden Eltern gemeinsam mit den spezialisierten neuromuskulären Zentren.
Wie reagieren Novartis, Behörden und Patientenorganisationen?
Novartis erklärt, es habe die Gesundheitsbehörden nach jedem Fall rechtzeitig informiert und werde mit ihnen über die nächsten Schritte beraten. Gegenüber dem Fachportal APOTHEKE ADHOC hatte der Konzern entsprechende Hinweise rund zwei Wochen vor der Bestätigung zunächst nicht kommentiert und lediglich auf die Fachinformation verwiesen.
SMA Europe kritisierte, Familien dürften sich ein mögliches Sicherheitsproblem nicht aus sozialen Medien, Gerüchten und unvollständigen Berichten zusammensuchen müssen. Die Organisation sammelt Fragen von Familien und Mitgliedsverbänden und will sie direkt an Novartis weitergeben. Nach ihrer Kenntnis prüfen die zuständigen Behörden die verfügbaren Daten.
In der EU ist für die Bewertung solcher Sicherheitssignale bei zentral zugelassenen Arzneimitteln die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) mit ihrem Ausschuss für Risikobewertung zuständig. In Deutschland ist das Paul-Ehrlich-Institut für Gentherapien verantwortlich. Öffentliche Stellungnahmen der Behörden zu den neuen Fällen lagen bis zum 6. November 2026 nicht vor. An der Börse reagierten Anleger: Die in den USA gehandelten Novartis-Papiere gaben am 5. November nach.
Wie geht es weiter?
Entscheidend sind die nächsten Schritte der Zulassungsbehörden. Möglich sind etwa ergänzte Warnhinweise in der Fachinformation, Informationsschreiben an Ärztinnen und Ärzte (sogenannte Rote-Hand-Briefe) oder Empfehlungen zur Langzeit-Nachbeobachtung behandelter Kinder. Ob und wann solche Maßnahmen kommen, ist offen.
Außerdem stehen Untersuchungen der übrigen sechs Tumorfälle aus. Erst wenn diese vorliegen, lässt sich besser abschätzen, wie häufig ein Zusammenhang mit der Therapie tatsächlich besteht. Patientenorganisationen fordern von Novartis klare Angaben dazu, was bekannt ist, was unsicher bleibt und ob für bereits behandelte Kinder zusätzliche Kontrollen sinnvoll sind. Diese Seite wird aktualisiert, sobald neue Informationen vorliegen.
AAV-Vektoren können sich in die menschliche DNA integrieren, was zur Entstehung von Tumoren führen kann. Dieses Risiko ist in den Fachinformationen von Zolgensma und Itvisma aufgeführt.
| Kategorie | Anzahl | Bedeutung |
|---|---|---|
| Gemeldete Tumorfälle seit 2019 | 9 | Meldungen an Novartis weltweit |
| Tumore pathologisch untersucht | 3 | Gewebe wurde auf Vektor-Erbgut geprüft |
| Mit Nachweis von Vektor-DNA | 2 | Zusammenhang mit der Therapie gilt als belegt |
| Offenbar ohne Zusammenhang | 1 | Kein Hinweis auf Therapie als Ursache |
| Noch nicht bewertet | 6 | Zusammenhang weder belegt noch ausgeschlossen |
Quelle: Novartis-Stellungnahme vom 5. November 2026; SMA UK, Stand November 2026
Chronologie
6. November 2026
Nachrichtenagenturen berichten weltweit über die Tumorfälle. Die US-Organisationen Cure SMA und Muscular Dystrophy Association raten Familien, sich bei Fragen an ihr Behandlungsteam zu wenden. Mehr
5. November 2026
Novartis bestätigt in einer Stellungnahme an SMA Europe neun Tumorfälle seit 2019, davon zwei mit Vektor-Integration in die DNA. SMA UK veröffentlicht ein Update des englischen Expertenteams. Novartis-Papiere geben in den USA nach. Mehr
Ende Oktober 2026
Auf Nachfrage von APOTHEKE ADHOC bestätigt Novartis Hinweise auf Tumorfälle zunächst nicht und verweist auf das in der Fachinformation genannte Risiko. Mehr
2025
Ein zweiter Fallbericht über eine Krebserkrankung nach Zolgensma erscheint in der Fachliteratur; ein eindeutiger Zusammenhang wird nicht nachgewiesen. Mehr
2023
Ein erster Fallbericht über eine Krebserkrankung bei einem mit Zolgensma behandelten Kind wird veröffentlicht, ohne eindeutigen Nachweis eines Zusammenhangs. Mehr
Mai 2020
Zolgensma erhält eine bedingte Zulassung in der Europäischen Union.
Mai 2019
Die US-Arzneimittelbehörde FDA lässt Zolgensma als erste Gentherapie gegen spinale Muskelatrophie zu. Mehr
Häufige Fragen
›Wie viele Tumorfälle gibt es nach Zolgensma?
Novartis hat seit der Erstzulassung 2019 neun Meldungen über Tumore bei Patienten erhalten, die mit Zolgensma behandelt wurden. In zwei Fällen ist ein Zusammenhang mit der Therapie durch den Nachweis von Vektor-DNA im Erbgut belegt (Stand: 6. November 2026).
›Verursacht Zolgensma Krebs?
In zwei Fällen gibt es Belege, dass der Einbau des Vektor-Erbguts in die DNA zu einem Tumor beigetragen hat. Bei einem weiteren Fall besteht offenbar kein Zusammenhang, sechs Fälle sind noch nicht abschließend bewertet. Gemessen an mehr als 6.000 behandelten Patienten ist die Zahl der Fälle klein.
›Müssen mit Zolgensma behandelte Kinder jetzt zusätzlich untersucht werden?
Eine allgemeine Empfehlung für zusätzliche Untersuchungen gibt es bisher nicht. Das englische Expertenteam rät derzeit ausdrücklich davon ab; für Deutschland stehen Stellungnahmen der Behörden noch aus. Eltern sollten Fragen mit dem behandelnden neuromuskulären Zentrum besprechen.
›Was ist ein Vektor bei einer Gentherapie?
Ein Vektor ist das Transportmittel, mit dem ein Gen in die Zellen gebracht wird. Bei Zolgensma ist das ein abgewandeltes, nicht krankmachendes Adeno-assoziiertes Virus (AAV), das eine funktionsfähige Kopie des SMN1-Gens enthält.
›Wird Zolgensma weiter eingesetzt?
Ja, bislang gibt es keine behördliche Entscheidung, die Anwendung einzuschränken. Novartis hat die Behörden informiert und berät mit ihnen über die nächsten Schritte; ob Warnhinweise oder Auflagen folgen, ist offen (Stand: 6. November 2026).
›Welche Alternativen zu Zolgensma gibt es bei SMA?
Neben der Gentherapie sind weitere Medikamente gegen spinale Muskelatrophie zugelassen, etwa Nusinersen (Spinraza), das in den Rückenmarkskanal gespritzt wird, und Risdiplam (Evrysdi) zum Einnehmen. Welche Behandlung passt, hängt vom Einzelfall ab und wird mit spezialisierten Zentren entschieden.
Quellen
- SMA Europe: Information regarding recent Zolgensma safety concerns (mit Novartis-Stellungnahme), 5. November 2026
- SMA UK: Zolgensma – Update des National MDT
- APOTHEKE ADHOC: Zolgensma – Novartis bestätigt Tumorfälle, 6. November 2026
- BioPharma Dive: Novartis reveals cancer cases possibly linked to gene therapy Zolgensma, 6. November 2026
- SMA News Today: Novartis confirms 2 tumor cases appear tied to SMA gene therapy, 6. November 2026
- Reuters via Yahoo: Two tumour cases in children linked to SMA drug, Novartis says
- swissinfo.ch: Novartis meldet Tumorfälle bei Kindern nach Zolgensma-Behandlung
- Novartis Form 6-K, Mai 2019: FDA-Zulassung von Zolgensma
- GuruFocus: Novartis ADRs fall amid safety concerns over Zolgensma
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